Wo fängt meine Freiheit eigentlich an?
03.09.2021 19:08

Die Coronazeit hat auch ihre guten Seiten. Dank der staatlich verordneten Schutzmassnahmen durchlaufen unsere Vorstellungen von Freiheit nun den Praxistest. Und die Spreu trennt sich vom Weizen. Definitiv als Spreu entpuppt sich die breit herumgereichte Redewendung «Die Freiheit des einen hört dort auf, wo die Freiheit des anderen beginnt.» Unter anderem prominent vertreten vom Berner Regierungsrat Pierre Alain Schnegg in der SRF-Sendung Club. Zugegeben, dieses Bonmot klingt zugleich einfach wie auch treffend. Es hat aber einen Haken.

 

Wer bestimmt die Grenzen der Freiheit?

Denn wer bestimmt, wo die Freiheit des anderen beginnt? Und wer bestimmt denjenigen, der über die Freiheit von anderen bestimmt? Das funktioniert über Macht – ein Begriff, der in der Diskussion um Freiheit erstickend wirkt. Ja, wer sich aufgrund seiner Machtposition Freiheiten herausnimmt, tut dies immer auf Kosten der Freiheit anderer. Dies gilt auch für die Mehrheit, wenn sie im Rahmen der Demokratie ihre Vorstellung von Freiheit gegen eine Minderheit durchsetzt.

Wenn die Grenzen der Freiheit nicht von aussen gesetzt werden dürfen, worauf können wir dann unsere Freiheiten berufen? Eine Antwort lässt sich in einem ebenfalls oft zitierten Freiheitsdefinition von Rudolf Steiner suchen: «Leben in der Liebe zum eigenen Handeln … ist die Grundmaxime des freien Menschen.» Die Freiheit kommt demnach von Innen. Und sie muss dem Wesen des Einzelnen entsprechen. Das ist eine Grundvoraussetzung. Wer gegen seine Bestimmung, gegen sein Denken handelt, der ist nicht frei.

 

Auch Angst trägt nicht zur Freiheit bei

Steiner macht es den Menschen aber nicht ganz so einfach. Schliesslich muss der Mensch in der Gemeinschaft funktionieren. Er nennt darum eine zweite Voraussetzung: «…und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens…». Damit wird die persönliche Freiheit begrenzt. Aber nicht von anderen. Nein, jeder und jede einzelne muss selbst erkennen, wo die Grenzen seines freien Handels sind. So wird der Mensch dank Arbeit an sich selbst zu einem freien und zugleich sozialen Wesen.

Diese Arbeit kann dem Einzelnen niemand abnehmen. Schon gar nicht der Staat. Übernimmt dieser die Deutungshoheit, bestimmt eine Politkaste über die Freiheit der Menschen. Dazu bedient sie sich einem bestimmten Vokabular wie «Schutz der Bevölkerung» und «Solidarität». Vorausgeschickt wird jeweils ein Szenario, das den Menschen Angst macht. Doch die Angst ist eine ebenso schlechte Zuträgerin der Freiheit wie die Macht.

 

Freiheit ist ein fortwährender Prozess

Somit ist in der Diskussion um Freiheit Vorsicht geboten, wenn sich mächtige und ängstliche Menschen zu Wort melden. Ihre Argumente sind von Begierden geprägt – sei es, um Macht aus- oder Ängste abzubauen. Um den Kern der Freiheit erfassen zu können, muss der Mensch über solchen Empfindungen stehen können. Er muss sich die Fähigkeit zum Freisein zuerst erarbeiten.

Damit kommt ein weiterer Aspekt zum Tragen: Freiheit ist kein Zustand, sondern eine fortwährende Entwicklung. Auch gemäss Steiners Zitat ist der Mensch dann frei, wenn er handelt. Oder wie es ein uns Schweizern wohlbekannter Gedanke zur Freiheit bezeichnet: «Frei ist, wer seine Freiheit nutzt.» Ob dem Regierungsrat Schnegg diese ebenfalls schlichten Worte wohl ebenso leicht über die Lippen kommen würden?